18.12.2012 – Wormser Zeitung

Von Johannes Götzen

Die gotischen Fialtürme auf der Marienkapelle sollen nachgebaut werden

Sie streben in den Himmel, werden zur Spitze hin immer filigraner und sind für einen Steinmetz oder Bildhauer eine echte Herausforderung: die so genannten Fialen oder Fialtürme, ein Bestandteil der gotischen Architektur. Die Marienkapelle an der Nordseite des Domes stammt aus der Zeit der Hochgotik – und hatte deshalb natürlich auch Fialtürme. Doch vermutlich schon seit der großen Stadtzerstörung 1689 sind sie verloren. Das galt auch für die Erinnerung daran, bis die Fachleute bei der Sanierung der Nordseite stutzig wurden: Sie fanden die sogenannten Basen vor, auf denen drei dieser Fialen gestanden haben müssen. Ein Blick in die historischen Zeichnungen Hammans belegte: Es hat sie gegeben, die Brüder Hamman haben sie ziemlich genau dort gezeichnet, wo jetzt die Basen zu finden waren.

MONTAGE: HAMM & KOWALEWSKI

So müssen die Fialtürme auf der gotischen Marienkapelle ausgesehen haben.

Dreieckiger Grundriss
Nun hat sich der Dombauverein vorgenommen, diese Fialen wieder aufzubauen, denn ohne sie sei die Marienkapelle schlicht unvollständig, sagt Architekt Jürgen Hamm, der die Domsanierung leitet. Zudem stieß er noch auf eine weitere Besonderheit: Fialtürme haben üblicherweise einen viereckigen Grundriss. Die Wormser Variante aber muss mit drei Ecken ausgekommen sein. Warum sie dreieckig waren, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen, Architekt Hamm hat aber eine These. Die Fialtürme werden nach oben hin immer schlanker und graziler, bis sie sich regelrecht auflösen – sie sollten ja das Streben zum Himmel, zum Höchsten hin demonstrieren. Weniger als drei Ecken sind nicht möglich, es ist dies also die letzte realisierbare Verfeinerung. „Das ist so besonders, das darf einfach nicht untergehen“, ist Jürgen Hamm überzeugt. Gar nicht so einfach ist die Suche nach einem Bildhauer gewesen, der eine solch feine Arbeit nachvollziehen kann. Zumal eben keine echten Bilder vorhanden sind, nur die relativ groben Hammannschen Zeichnungen. Es ist also ein großes Stilgefühl notwendig bei der Reproduktion. Nicht zuletzt ist jede der drei vorgefundenen Basen ein bisschen anders, weil auch jeder Fialturm etwas anders geschaffen war, jeder war ein ganz besonderes Einzelstück. Zu Bewundern ist einer dieser Nachbauten derzeit im Dom, 3,20 Meter hoch ist er. Und natürlich kostet das alles Geld. Erste grobe Schätzungen gehen von 20 000 Euro aus, die insgesamt gebraucht werden.