12.03.2018 – Wormser Zeitung

Erfahrungen und DIN-Normen – Die Domsanierung heute

Seit 18 Jahren leitet Architekt Jürgen Hamm die Sanierung des Wormser Doms. Das wird er voraussichtlich noch weitere sieben Jahre tun müssen, dann erst werden die Restauratoren einmal rundherum an jeder Stelle des Doms gewesen sein. Foto: Rainer Klotz/masterpress
Foto: Rainer Klotz/Masterpress

Von Johannes Götzen

Die alten Baumeister am Dom hatten Erfahrungswissen, sagt Jürgen Hamm. „Heute haben wir DIN-Normen“, fügt er mit feinem Lächeln hinzu. Wobei die nicht immer helfen. „Wir haben vieles immer wieder erst ausprobieren müssen“, erinnert sich der Architekt und Leiter der laufenden Domsanierung an die Anfänge. Im Jahr 2000 war es, als der „Patient“ zuerst einmal vermessen wurde. Dann haben sie hoch oben im Westchor eine „Musterachse“ eingebaut aus riesigen Stahlträgern, an denen ein Gerüst regelrecht aufgehängt war. Dort haben sie Materialien und Methoden getestet. Rund eine Million Euro wurden seither jedes Jahr in den Dom investiert.

Über Mörtel kann Architekt Hamm heute ganze Vorträge halten. Zum Beispiel, dass der verwendete Sand die genau richtige Körnung haben muss. Ist sie zu fein, braucht man für die passende Konsistenz zu viel Kalk, dann reißt er aber später zu schnell. Ist der Sand zu grob, lässt er sich nicht richtig mischen, es entsteht keine Verbindung.

Das alles hatten die alten Meister vor 1000 Jahren im Wortsinne im Gespür. So manches Wissen von damals ist allerdings verloren gegangen. Auch, weil man im vergangenen Jahrhundert, bei der letzten großen Domsanierung in den 60er Jahren, auf damals moderne Methoden setzte. Das war zum Beispiel der Zement, der witterungsfest ist und eine sehr leistungsfähige Verbindung. Allerdings schädigt er das historische Baumaterial wie den Sandstein, wissen die Fachleute heute.

„Damals ist man übers Ziel hinaus geschossen“, sagt Jürgen Hamm. Deshalb arbeiten sie heute wieder eher so wie in früheren Zeiten: mit einem Mörtel, der den Stein nicht angreift. Wobei er den „Vorgängern“ keineswegs Vorwürfe macht. Sie hätten nicht nur nach dem damals besten Wissen gearbeitet. „Es hat ja auch bis heute gehalten“, sagt der Fachmann.

 Diese Perspektive von 50 Jahren ist auch für die aktuelle Sanierung der Maßstab. Bis sie damit fertig sind, werden wir voraussichtlich das Jahr 2025 schreiben. Jedenfalls, wenn die Finanzierung dieses Mammutprojekts weiterhin so reibungslos und vor allem kontinuierlich läuft, sagt der Bauleiter. Das habe bislang sehr gut geklappt, womit zum Start nicht wirklich zu rechnen gewesen sei. 25 Jahre also wird es insgesamt dauern, bis der gesamte Dom saniert ist. Und dann 30, 40 oder eben vielleicht sogar 50 Jahre halten. „Jede Generation muss einmal ran“, sagt Jürgen Hamm aus der Erfahrung der letzten 150 Jahre.

Wobei keineswegs das Ziel ist, dass der Dom hinterher „wie neu“ aussieht. Die Spuren der Jahrhunderte darf und soll man durchaus auch künftig sehen. Zum einen geht es um eine gründliche Reinigung. Ruß und Schwefel vor allem mussten runter, Flechten wurden entfernt. Ansonsten ist es der reine Erhalt der historischen Substanz. Nur weil ein Stein kleinere Schäden aufweist, wird er nicht gleich ersetzt. „Wir nehmen nur heraus, was seine Funktion nicht mehr erfüllen kann“ erklärt Jürgen Hamm. Wenn sie aber ran müssen, dann wird kein Blendwerk geschaffen, in dem nur die Oberfläche „hübsch“ gemacht würde. Dann wird ein Stein entweder ganz ersetzt oder, wenn mehr als die Hälfte noch seine Funktion erfüllt, also statisch trägt, wird der schadhafte Teil herausgeschnitten und der Stein durch ein entsprechendes neues Stück ergänzt. Wobei „neu“ ja eigentlich auch nicht wirklich stimmt. Auch der Ersatz ist Sandstein, der aus Steinbrüchen in der Pfalz stammt.
Der Architekt Hamm kann da durchaus ins Philosophieren geraten. „Was ist Original? Ist es der Millionen Jahre alte Sandstein? Oder ist es die kunstvolle Oberfläche, das kulturelle Dokument?“

Wo die Antwort liegt, spürt man im Gespräch immer wieder dann, wenn Jürgen Hamm von den nahezu täglichen Überraschungen spricht. Etwa, wenn sie in 40 Metern Höhe am Vierungsturm, an einer Stelle, die von unten überhaupt nicht zu sehen ist und an die auch höchstens alle Jahrzehnte mal ein Mensch kommt, ein Detail mit allerhöchster Akribie herausgearbeitet wurde. „Da staunt man immer wieder“, auch nach 18 Jahren noch. Deshalb ist er auch überzeugt, dass ein solch majestätisches Bauwerk nicht allein durch die Macht und Autorität der Bauherren verwirklicht werden konnte. Die, die hier gewirkt haben, „haben das sicherlich auch in der Überzeugung getan, dass sie an einem Stück Himmel gearbeitet haben“, sagt Hamm. Nicht zuletzt bewirke dies bis heute, dass alle hier es auch als Ansporn ansehen, es den alten Vorbildern in ihrer Kunstfertigkeit nachzumachen. Deshalb sei er auch so glücklich über die Handwerker und Spezialisten, mit denen er heute hier arbeiten dürfe. Sie seien exzellent ausgebildet, mit viel Erfahrung und vor allem mit einer enormen Leidenschaft dabei.

Die Hingabe, mit der dieses Gotteshaus erbaut und über die Jahrhunderte immer wieder auch ergänzt wurde, die spüre man bei dieser Arbeit. Und ja, sie verändere einen auch selbst. Er selbst habe durch die lange und intensive Beschäftigung mit dem Dom und seinen Baumeistern auch einen anderen Zugang zum Glauben bekommen, bestätigt Jürgen Hamm: „Ich gehe heute anders in einen Gottesdienst.“

Aktuell könnte man vermuten, die Sanierung sei beendet, denn nach vielen „verhüllten“ Jahren ist derzeit kein Gerüst mehr zu sehen. Das täuscht allerdings gewaltig. Zwar ist die Sanierung aller Türme abgeschlossen, auch an der Nordseite ist das Langhaus fertig saniert. Aber die Südseite steht noch an. Doch hat sich die Domgemeinde für ihr großes Jubiläum ein „gerüstfreies“ Jahr gewünscht, deshalb die Pause. Die „Krone der Stadt“ soll schon von Ferne als Wahrzeichen unverhüllt wirken.

Danach also steht die Südseite des Doms im Fokus. Das gilt nicht nur für die Sanierung des Langhauses und der Nikolauskapelle. Auch der Platz selbst soll neu gestaltet werden. Wenn das Haus am Dom fertig ist – ein genaues Datum wagt Dompropst Tobias Schäfer nach etlichen Verzögerungen nicht mehr zu nennen, er hofft aber sehr, dass dies bis zur Festwoche im Juni sein wird – soll ja endlich auch der Domplatz neu gestaltet werden, ebenso wie der ehemalige Kreuzgang. Wenn dies alles erledigt ist, wird sich der Dom St. Peter mitsamt seinem Umfeld ebenso wie im Innern wieder in voller Pracht zeigen. Zumindest für eine Menschen-Generation. Dann wird es wieder von vorne losgehen müssen mit der Sanierung.