28.03.2018 – Wormser Zeitung

Mit Jubelrufen, Gesang und Geläut empfangen: Neue Glocken für den Wormser Dom

Eine der fünf neuen Kirchenglocken steht im Wormser Dom. Foto: dpa
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Von Ulrike Schäfer

WORMS – „Ein Jahrhunderterereignis!“, „Das sieht man nur einmal im Leben!“ So und so ähnlich lauten die Kommentare der Zuschauer am Straßenrand, als die fünf neuen Glocken in Worms einziehen.

Kurz nach 10 Uhr treffen sie, mit starken Gurten befestigt, auf einem 15 Meter langen Tieflader im hessischen Rosengarten ein, wo sie auf einem Parkplatz mit Rheinblick für ihre Fahrt durch die Innenstadt fein gemacht werden. Martina Bauer, Leiterin des Kindergartens St. Lioba, und Domküster Markus Löhr schmücken jede mit einer zartgrünen Schleife und einem frischen Efeukranz. Vorüberfahrende staunen nicht schlecht bei diesem ungewöhnlichen Anblick; manche halten an und zücken ihr Handy. Andere sind eigens herbeigekommen, um als erste die Glocken aus nächster Nähe zu sehen, darunter auch der Schöpfer der Glockenzier, Klaus Krier, und Fotograf Stefan Blume, der den gesamten Prozess ab dem ersten Entwurf in Bildern festgehalten hat. Jetzt, im morgendlichen Sonnenlicht, funkeln die Bronze und die Reliefs der Patrone und Inschriften treten plastisch hervor. Wie Wesen aus einer anderen Welt.

Begleiteskorte aus Fahrradfahrern

Rheinbrücke, kurz vor 11 Uhr: Vereinzelt lehnen Menschen am Geländer, einige sind sogar auf die Brüstung geklettert. Nach und nach werden es mehr. Alles starrt gebannt auf die Straße, wo der Transporter gleich in Sicht kommen müsste. Schon blinkt das Blaulicht des vorausfahrenden Polizeiautos. Plötzlich laute Jubelrufe. Woher kommen sie? Es sind die Pfadfinder, die auf dem Brückenturm stehen und winken, was das Zeug hält.

Auf der B9, in Höhe der Straße am Rhein, hält der Transportzug an und die Begleiteskorte aus Fahrradfahrern sammelt sich, Tobias Schäfer, Propst am Dom, mit strahlendem Gesicht mittendrin. Vorbei an der Liebfrauenkirche, die ihre neuen Schwestern mit frohem Geläut begrüßt, bewegt sich der Zug nach St. Amandus, wo er von einer größeren Menschenmenge erwartet wird. Auch Bardo Stumpf, Pfarrer im Ruhestand, steht dabei und erinnert sich, wie es war, als die Amanduskirche 1986 ihre Glocken bekam. Jörg Knies hat schon die ersten Fotos von der Rheinbrücke auf dem Handy erhalten. Er hat eine der Glocken zum Gedenken an seinen Sohn Joachim und seine Frau Ursel gestiftet. „Wir hatten das schon beschlossen, als sie noch gelebt hat“, sagt er.

Von vielen Menschen in Empfang genommen

Je weiter sich der Konvoi der Innenstadt nähert, umso mehr Menschen wollen die schimmernden Neu-Ankömmlinge sehen. Vor der Dreifaltigkeitskirche hat die Menge schon eine beachtliche Größe erreicht. Aus dem Gotteshaus dringen Kinderstimmen bis auf die Straße. Volkmar Martin Schur singt mit seinem Gitarrenkurs im Kanon „Bruder Jakob, schläfst du noch? Hörst du nicht die Glocken?“ – und schon setzt das imposante Geläut der vier Marktkirchenglocken zur ökumenischen Begrüßung ein, darunter der Löwe – auch jetzt noch die größte Glocke der Stadt.

Tatsächlich kriecht nun der Tieflader die enge Gasse zum Schlossplatz hinauf und wird von einem großen Menschenauflauf empfangen, kaum kann er sich Platz verschaffen, und kommt vorm Nordportal zum Stehen. Dort haben sich schon die Kinder des Lioba-Kindergartens versammelt. „Einfach spitze, dass sie da sind“, rufen sie den Glocken entgegen, singen, tanzen und klingeln vernehmlich mit vielen kleinen Glöckchen.

Glocken können nun bestaunt werden

Tobias Schäfer bedankt sich bewegt bei allen, die dieses Ereignis mitgestaltet haben, ist beeindruckt von der Anteilnahme so vieler Menschen, auch vor den protestantischen Kirchen, wertet es als Zeichen ökumenischer Verbundenheit.

Für Udo Rauch, den Vorsitzenden des Dombauvereins, der es geschafft hat, dass dieses gewaltige Projekt Wirklichkeit werden konnte, ist dies ein großer Moment. Denn nun ist es endlich soweit, alle Mühe hat sich gelohnt. Mit einem großen Kran wird eine Glocke nach der anderen, die kleinste, zuerst, hochgehoben, schwebt in der Luft und landet dann passgenau auf einer Holzpalette. Mithilfe eines Gabelstaplers schieben die versierten Mitarbeiter der Gießerei Rincker die gelungenen Werke zum Westchor und hängen sie an den hölzernen Weiheböcken auf. Dort können sie nun in den nächsten Tagen bestaunt werden.