31.03.2018 – Wormser Zeitung

Streicheleinheiten für die fünf neuen Glocken – Dom in Worms lockt viele Besucher

Eine Amanda betrachtet die Glocke, die dem Heiligen Amandus geweiht wird: Tobias Schäfer, Propst am Dom, erläutert Amanda und Walfried Marx aus Alzey Details rund 2,7 Tonnen schwere Glocke. Foto: photoagenten/Andreas Stumpf
Foto: photoagenten/Andreas Stumpf

Von Claudia Wößner

WORMS – Kraulen, knuddeln, kuscheln, knutschen. Nicht jeder treibt es ganz so wild, aber im Dom sind derzeit besonders innige Momente zu erleben. Zig Menschen gehen auf Tuchfühlung mit den fünf neuen Glocken, die seit Mittwoch im Westchor ausgestellt sind. Und gerade bei den Jüngeren gehört neben den üblichen Erinnerungsfotos eine Streicheleinheit mit dazu. Zu verlockend hängen die Glocken mit ihrer Pracht in den Gestellen. Manchmal gibt es obendrein noch einen Klaps für die Klangkörper, vielleicht geben sie ja doch einen Ton von sich.

„Mama, das fühlt sich kalt an“, sagt Leonie, nachdem sie ihre Finger kurz über die größte und schwerste Glocke hat gleiten lassen. Sie schaut überrascht. Die Sechsjährige ist mit ihrer Mutter Sonja Etschad (41) und ihren Geschwistern Finn (10) und Marlene (4) nach Worms gekommen. „Wir sind aus Mannheim und haben einen Ausflug hierher gemacht. Die Kinder sind ganz begeistert, wo sieht man solch filigrane Kunst schon einmal“, berichtet Sonja Etschad. Danach gibt es noch ein Familienfoto mit der Glocke, die als schwerste des neuen Geläuts rund 2,7 Tonnen wiegt und mit ihrer Höhe die Mädchen Marlene und Leonie um etliche Zentimeter überragt.

Propst erklärt die Glocken

Die Etschads stehen vor der Glocke, die dem Heiligen Amandus und dem Heiligen Rupert geweiht wird, beide Bischöfe von Worms. Die Glocke ist eine wahre Augenweide. „Ich empfinde sie als sehr schön“, sagt Amanda Marx. Die 63 Jahre alte Alzeyerin ist mit ihrem Mann Walfried aus einem besonderen Grund nach Worms gekommen: Es ist der Vorname. Die Glocke und sie haben denselben Namenspatron, den Heiligen Amandus. Der war Anfang des siebten Jahrhunderts Bischof von Worms und ist zugleich Stadtpatron von Worms. „Wir wollten die Amandus-Glocke und die anderen Glocken unbedingt sehen, bevor sie quasi in der Versenkung verschwinden und nur noch zu hören sind“, erzählt Amanda Marx, deren Mann Walfried Verwandtschaft in Worms hat. Im Dom treffen die Eheleute zufällig auf Tobias Schäfer, den Propst am Dom, der früher Kaplan in Alzey war. Schäfer erläutert Amanda und Walfried Marx Details zu den Glocken. Die beiden sind sehr zufrieden, dass sie sich auf den Weg nach Worms gemacht haben. Glocken aus einer solchen Nähe zu betrachten, das sei ihnen bisher nur einmal vor vielen Jahren vergönnt gewesen.

 So wie die Eheleute Marx oder die Familie Etschad sind viele Besucher am Donnerstag und Freitag extra nach Worms gekommen, um die fünf neuen Glocken anzuschauen. Im Dom herrscht ein Kommen und Gehen. „In der Tat stellen wir – nicht überraschend – fest, dass viele Menschen kommen, speziell um die Glocken zu sehen. Genau dafür haben wir sie ja bewusst im Dom ausgestellt, und dort werden sie auch nach der Glockenweihe noch eine gute Woche zu sehen sein“, freut sich Schäfer über das große Interesse.

Säure an den Fingern

Ein Sicherheitsdienst, der die wertvollen Glocken bewacht, ist nicht im Einsatz. Die größte Glocke hat einen Gesamtwert von 100.000 Euro, die kleinste mit einem Gewicht von 250 Kilogramm immerhin noch einen Wert von 14.000 Euro. In dieser Summe sind die Kosten der Glockenbronze, des Gusses, aller Armaturen sowie vom Transport und der Installation enthalten. „Dass jemand böswillig oder durch Vandalismus die Glocken beschädigen möchte, das kann und will ich mir nicht vorstellen“, sagt Propst Schäfer. Die Dompförtner hätten natürlich auch ein Auge auf die Glocken, „aber wir freuen uns, wenn Menschen sie bestaunen und sich mit uns freuen. Und wenn sie dann auch mal angefasst werden, schadet es ihnen ganz sicher nicht“, findet Schäfer.

Hanns Martin Rincker sagt indes: „Anfassen ist nicht schön, dadurch werden die Glocken nicht schöner.“ Der Chef der Glocken- und Kunstgießerei Rincker aus der hessischen Gemeinde Sinn bei Wetzlar, in der die Glocken gegossen wurden, erklärt, dass jeder Mensch Säure an den Fingern habe: „Das ist wie beim Silberschmuck, der wird an den Stellen schwarz, wo er angefasst wird.“ Zwar seien die Glocken durch eine besondere Wachsschicht, die mindestens die nächsten drei Jahre halten soll, geschützt. Exzessive Streicheleinheiten wünscht Rincker seinen Glocken aber trotzdem nicht. Ihre Schönheit soll viele Jahrzehnte überdauern.