Domkreuzgang

VON JOACHIM SCHALK

Neben der Förderung der Verglasung der Ostfenster des Wormser Doms will der Dombauverein auch beginnen, Mittel für die Restaurierung der Steinbildwerke im nördlichen Seitenschiff des Doms einzuwerben, welche sich auf die Lebensgeschichte Jesu beziehen und ursprünglich im Domkreuzgang standen.
Zum Domkreuzgang sollen daher zunächst einige geschichtliche Mitteilungen erfolgen.

Die ursprüngliche Kreuzganganlage in romanischen Formen wurde wohl zusammen mit den Westteilen des Doms erbaut und war gegen das Jahr 1200 vollendet. Reste romanischer Bauplastik sind noch heute an der Außenwand des südlichen Seitenschiffs zu sehen. Auch ist, eingebaut im Kolpinghaus, das leider schwer zugängliche monumentale Südwestportal des Kreuzgangs zur Schlossgasse und Andreasstraße hin mit seinem Rankentympanon erhalten geblieben.

Bild: STADTARCHIV WORMS

Bischof Johann III. von Dalberg (1482 bis 1503) veranlasste ab 1484 – Grundsteinlegung am 13. August – eine grundlegende Erneuerung großer Teile. Bereits ein Jahr zuvor war der Baumeister Bastian in die Dienste des Domkapitels getreten, der Bauhandwerker um sich sammelte. Der romanische Kreuzgang wurde in großen Teilen durch Um- und Neubauten in den zeitgemäßen Formen der Gotik ersetzt. Dies geschah allerdings nur nach und nach und je nachdem, welcher Mäzen vor allem aus den Reihen der Domherren oder befreundeter Familien zu einer Stiftung bereit war. Dies beweisen die Jahreszahlen auf den erhalten gebliebenen Gewölbe – Schlusssteinen, die Jahreszahlen von 1486 bis 1516 tragen. Eine jahrelange Bauunterbrechung fand zwangsläufig deshalb statt, weil das Domkapitel ebenso wie die übrigen Stifts- und Pfarrgeistlichen nach der Exkommunikation der gesamten Stadt im Jahre 1499 über mehr als 10 Jahre in andere Orte gezogen war.

Dieser gotische Kreuzgang, dessen Bauformen und Ausmaße einer Ansicht der Londoner Serie der um 1690 entstandenen Hammanschen Zeichnungen der Stadt Worms und sehr schön am Dommodell im nördlichen Querhaus des Doms in Augenschein genommen werden können, bestand aus mehreren Gebäuden, die den Kreuzganghof auf vier Seiten umschlossen. Die Erdgeschosse waren mit offenen Bogenhallen versehen, wie wir sie in Worms auch vom Kreuzgang des St. Andreasstifts oder St. Paulusstifts kennen. An diese Bogenhallen waren kleine Kapellenräume angebaut: eine Liebfrauenkapelle, eine Kapelle zu Ehren der hl. Katharina, des heiligen Mauritius und des hl. Blasius.

Bild: STADTARCHIV WORMS

Seitwärts der Bogengänge und über diesen befanden sich das Archiv und die Bibliothek, die Registratur und die Kanzlei des Domstifts und des Bischöflichen Ordinariats, auch die Domschule. Daran schlossen sich Domkellerei, Speicher und sonstige Räume für die Verwaltung verschiedenartiger Ämter, der Marstall und ganz im Westen die Dompropstei an.

Bild: STADTARCHIV WORMS

Der Haupeingang mit Porticus (Torhalle) befand sich im Kapitelhaus, welches südwärts an die Nikolauskapelle angebaut war. Ein doppelstöckiger gotischer Chor neben diesem Eingang ragte in den Domplatz hinein. In dem Gebäude befand sich auch die große und die kleine Kapitelstube und die Kommunitätsstube. Ein Zimmer war mit einer Luftheizungsanlage versehen (Hypocaustum Capitulare).
In der Mitte des Kreuzganggevierts wuchs ein Hagedorn, ein Rosenstock, dessen weit ausladendes Geäst von mindestens 20 Steinsäulen getragen wurde.

Im Pfälzischen Erbfolgekrieg wurde am Pfingstdienstag, dem 30. Mai des Jahres 1689 auch der Domkreuzgang so wie die meisten Gebäude in der Stadt von französischen Soldaten angezündet. Die Hammanschen Zeichnungen zeigen die ausgebrannten Mauern.

Bild: STADTARCHIV WORMS

Bei Wiederherstellungsarbeiten im 18. Jahrhundert wurden viele Schäden beseitigt.

Bild: STADTARCHIV WORMS

Ein zweiter Brand beschädigte den Kreuzgang schwer. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig Mitte Oktober 1813 zogen sich Napoleons geschlagene Truppen nach Westen zurück. Im französischen Worms lagerten im Dezember des Jahres kranke Soldaten unter anderem in einem als Hilfslazarett verwendeten Flügel des Domkreuzgangs. Weil man des ausgebrochenen Typhus nicht Herr werden konnte, brannte man auf Befehl des Marschall Marmont – so wird es überliefert – den Kreuzgangflügel mit den Kranken ab. Der daneben stehende Domspeicher wurde ebenfalls ein Raub der Flammen. Zumindest seit diesem Zeitpunkt waren zwei der Kreuzgangflügel, im Norden und im Süden, ohne Dach.

Weitere Zerstörungen folgten. Mit dem Ende des alten Reichs und des Bistums Worms und wegen des geringen katholischen Bevölkerungsanteils in der Stadt waren viele kirchliche Gebäude überflüssig geworden. Man empfand sie nur als Last und sah sich außerstande, sie weiterhin zu unterhalten. Die seitherige Bischofskathedrale war zu einer Kantonspfarrkirche geworden. Sie wenigstens wollte man erhalten und mit dem Erlös aus dem Verkauf von Baumaterialien der abgebrochenen Gebäude restaurieren..

1808 war die an der Südseite des Doms stehende zehneckige St. Johanneskirche, die frühere Pfarrkirche des Domstifts, bereits abgebrochen.

1817 wandte sich der Kirchenvorstand der Domgemeinde an die Provinzialregierung in Mainz und bat darum, einen Teil des Kreuzgangs und das Kapitelhaus umbauen zu dürfen, weil es an einem Pfarrhaus für den Pfarrer und seinen Kaplan mangele, auch an einer Wohnung für den katholischen Schullehrer und den Glöckner und auch kein Schulhaus mehr vorhanden sei. Die restlichen drei Flügel sollten abgerissen, die Baumaterialien verkauft und der veranschlagte Erlös zum Ausbau des verbliebenen Kreuzgangflügels für diese Zwecke verwendet werden.
Da die nach dem Wiener Kongress für den neuen Landesteil Rheinhessen des Großherzogtums Hessen zuständige Regierung einen Zuschuss-Antrag zum Bau des geplanten Schulhauses abgelehnt hatte, wurde vom neuen Mainzer Bischof Colmar, der auch für Worms zuständig war, die Zustimmung zum Abbruch erteilt. Obwohl Oberbaurat Moller den Großherzog Ludwig von Hessen und bei Rhein dazu hatte bewegen können, dem drohenden Verlust des Baukunstwerks Einhalt zu gebieten, wie dies zugunsten der Lorscher Torhalle erfolgreich geschehen war, schufen die Wormser vollendete Tatsachen. Der Westflügel des Kreuzgangs war bis zum Einschreiten der Behörde bereits verloren.

Zur Begründung wurde vom Kirchenvorstand ausgeführt:
In dem Jahre 1813, als der nahe gelegene Domspeicher abbrannte, gelang es nur den vereinten Anstrengungen der Bürger und des Militärs, den Kreuzgang zu retten und so die Domkirche selbst, die, wie gesagt, bei jedem Brand durch dieses ganz nutzlose Nebengebäude der Feuergefahr ausgesetzt ist, ein Umstand, der in der Tat nicht gleichgültig angesehen werden darf, da das Dach und Holzwerk des Domes, welches allein in der Brandassekuranz aufgenommen worden, für hundert tausend Gulden angeschlagen ist. Hierzu kommt noch der Umstand, dass, da dieses Gebäude unbenutzt daliegt, es zu Kriegszeiten seines ausgedehnten Umfangs wegen gewöhnlich zu irgend einem Militär-Gebrauch in Anspruch genommen wird und bald zum Spital, bald zur Aufbewahrung von Militär-Effekten und oft von brennbaren Materialien dienen muss, so wie selbst während dem letzten Provisorium dieses Gebäude zur Errichtung einer Militär-Bäckerei sollte bestimmt werden, was doch mit der augenscheinlichsten Gefahr für das Domgebäude verbunden war und dennoch nur nach vielen Remonstrationen von Seiten der ganzen Bürgerschaft konnte abgewendet werden. Ob nun gegen diese klar ins Auge fallenden Gründe das Interesse, welches die Kunst aus der Altertümlichkeit und Bauart des Gebäudes und einiger in seinem Innern befindlicher ohnehin auf leichte und bessere Weise zu rettenden Bildhauerarbeiten schöpfen könnte in Anschlag zu bringen sei, dürfte wohl keiner weiteren Auseinandersetzung bedürfen. Das Hauptgebäude, der Dom, ist der eigentliche, den Kenner anziehende Gegenstand und nicht jenes Nebenwerk aus späterer Zeit, dessen Altertümlichkeit von äußerst subordinirtem Wert ist, und welches überdem unbenutzt und in so mancher Hinsicht dem Hauptgebäude gefährlich, wohl nicht besser verwendet werden könnte, als zu dem Zwecke, zu welchem eine hohe Regierung die Gnade hatte, seine Demolition schon früher zu genehmigen.

Einige Jahre ruhten aufgrund der Einwendungen der kunstsinnigen Beschützer in Darmstadt die Abbrucharbeiten. Der Kirchenvorstand der Domgemeinde, der sehr wohl den Wert, die Schönheit der Bogengänge und das „Altertum“ des Bauwerks erkannte, machte vor allem finanzielle Gründe geltend, da angeblich ein Betrag von 15.000 bis 20.000 Gulden zur Erhaltung des Kreuzgangs aufzuwenden sei, andererseits der Dom dringender Erhaltungsmaßnahmen bedürfe, die mit den verkauften Baustoffen finanziert werden könnten.
Bischof und Provinzialregierung gelang es letztendlich, in Darmstadt die Zustimmung zum Abbruch zumindest zweier Kreuzgang-Flügel durchzusetzen, obwohl das Schulhaus nicht mehr erforderlich war, weil 1824 die drei Konfessionsschulen aufgehoben und alle Wormser Schulen in einem städtischen Gebäude zur Gemeindeschule vereinigt wurden. Am 03.08.1819 genehmigte Darmstadt die Niederlegung zweier Flügel mit Ausnahme des östlichen Traktes, also des Teils neben der Nikolauskapelle, in welchem sich das Kapitelhaus und der Haupteingang zum Kreuzgang befanden.

Nachdem am 18. Juli 1821 der westliche und der südliche Flügel auf Abbruch versteigert worden war, wurden bereits am 09.08 1821 von einem Wormser Maurermeister in der Wormser Zeitung verschiedene, vom Abbruch des ehemaligen Kreuzganges der Domkirche herrührende Materialien – rauhe Mauersteine, sauber gehauene Quadersteine, ganze und halbe Backsteine und Bauholz zum Verkauf angeboten.

Letztendlich wurde am 17.März 1830 die Genehmigung zur Beseitigung auch des Ostflügels mit Kapitelhaus von der Regierung gegen den Widerstand des bereits genannten Oberbaurats Georg Moller erteilt, nachdem der Kirchenvorstand der Domgemeinde noch einmal darauf gedrungen hatte mit der Begründung, dass dieser Teil seiner wenig schönen Gewölbe wegen in dem Auge des Kenners vielleicht noch einen Wert haben mag aber einer Ruine gleiche, und den Dom verunstalte. Er biete nunmehr dem fernen Auge nichts Freundliches mehr dar.

Ein Aquarell des württembergischen Offiziers Christian Septimus von Martens vom 21.September 1822 im Staatsarchiv Stuttgart (Signatur J 56 Bü 8 Bl. 38), hier erstmals veröffentlicht mit Genehmigung des Archivs, zeigt den von der Johanneskirche abgeräumten Domplatz mit dem Kapitelhaus mit Ostflügel des Kreuzgangs, verbunden mit einer wohl neu errichteten Mauer hin zu einem langgezogenen Gebäude mit fünf hohen Bögen, das parallel zur Andreasstraße steht.

LANDESARCHIV BADEN-WÜRTTEMBERG

Hauptstaatsarchiv Stuttgart

Eine andere Abbildung, ein Holzschnitt von Tollenaar aus einem holländischen Blatt, der auf einen englischen Stahlstich von W. Wallis zurück greift, zeigt Teile des teilweise schon abgebrochenen Domkreuzgangs neben dem heute noch erhaltenen romanischen Südwest-Tor mit dem Rankentympanon. Die Reste der Außenmauer des Südflügels mit vielen romanischen Bauelementen verdecken teilweise einen Schuttberg an der Stelle des schon abgerissenen Westflügels. Profilierte Werksteine, Bogenstücke und Grabplatten liegen gehäuft vor den Kaufinteressenten und den Handwerkern direkt an der Abbruchstelle.

STADTARCHIV WORMS

Eine Zeichnung des Westchors lässt von Westen her nach Verschwinden des Westflügels den inneren Bereich des östlichen Kreuzganghofes mit zweigeschossigen maßwerkgeschmückten gotischen Fenstern erkennen, von denen eines mit Schluss-Steinen des Kreuzgangs und einem Portal nach Abbruch auch dieses Teils des Domkreuzgangs z.B. am Storchenturm und Schillerturm in Herrnsheim vom Pair de France, Emmerich Joseph von Dalberg, eingebaut wurde.

STADTARCHIV WORMS

Am 10. Mai 1832 erfolgte Mitteilung, dass das sehr günstige Ergebnis der Materialverkäufe es ermöglicht habe, die bedeutenden Sprünge an der Fassade des Doms mit Zement ausgießen zu lassen. Am 17. September 1834 wurde der wüste Platz des früheren Domkreuzgangs als Garten verpachtet. Eine schickliche Treppe am Haupteingang des Doms (der Tür des südlichen Querschiffs) war bereits gebaut.

Vom gotischen Domkreuzgang blieben im wesentlichen nur einige sehr kunstvolle Konsolsteine an der Außenwand des südwestlichen Seitenschiffs des Doms erhalten, die Gewölbeanfänge, Schluss-Steine der Gewölbe im Dom, im Museum im Andreasstift, in Kloster Neuburg bei Heidelberg und im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe, ebenso fünf der ehemals sechs gotischen Kreuzgangsreliefs und ein großes Grabmal eines Herrn von Heppenheim gen. vom Saal.

Die unzähligen anderen skulpierten Grabmäler und die Grabsteine mit ihren Inschriften sind überwiegend verschwunden.