06.02.18 – Wormser Zeitung

Neues Geläut zum Dom-Jubiläum in Worms – die ersten drei Glocken sind gegossen

Von Claudia Wößner

WORMS/SINN – Der Tag danach. Die Jacke, die Tasche, selbst die Hülle des Smartphones, alle Gegenstände, die beim Glockenguss mit dabei waren, riechen wie frisch geräuchert. Mit diesem Geruch in der Nase setzt das Kopfkino ein. Und schon steht man wieder in der Glockengießerei. Vorne in der ersten Reihe an der Gussgrube, wo die Bronze durch die Rinnen in den Eingusstrichter der Glockenform fließt. Die Hitze wie in der Sauna, der Dreck, die vielen Menschen, der Gesang, das Segensgebet, die Fürbitten, mit dem Geruch rückt alles wieder ins Bewusstsein.

In der Glockengießerei Rincker in Sinn werden die neuen Glocken für den Wormser Dom gefertigt. Hier führt Firmenchef Hanns Martin Rincker den Klang einer neuen Glocke vor. Foto: dpa
Foto: dpa

Aber irgendwann vergeht er, spätestens nach ein paar Waschgängen. Was bleibt, möglichst für viele, viele Jahrzehnte, sind die Glocken. Und die Erinnerung an einen besonderen Moment. Dass der vergangene Freitag ein denkwürdiger Tag war, darin sind sich alle einig, die mit dabei waren. Mehr als 70 Wormser fuhren mit dem Dombauverein und der Domgemeinde nach Sinn bei Wetzlar, wo die Glocken- und Kunstgießerei Rincker ihren Sitz hat. Drei neue Glocken wurden an diesem Mittag gegossen, zwei weitere folgen am 2. März. Die fünf Glocken erweitern das Dom-Geläut. Drei Glocken sind derzeit im Dom vorhanden. Das Trio ist eigentlich ein Notgeläut. 1949 ersetzten die drei Glocken ihre im Zweiten Weltkrieg zerstörten Vorgänger. Jetzt, im Jubiläumsjahr „1000 Jahre Wormser Dom“, soll das Notgeläut zu einem harmonischen und klangvollen Geläut werden.

Kein alltäglicher Auftrag

Der Schmelzofen zischt und faucht, er rattert. Beinahe bedrohlich klingen die Geräusche, als die Wormser in der Gießerei ankommen. Der Guss wird vorbereitet. Im Ofen schmilzt die Glockenbronze. Aus rund 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn besteht das Metall, das später aus dem Ofen flüssig in die Gießgrube und dort in die Glockenform rinnen soll. Es ist warm, dann wird es langsam richtig heiß in der Gießerei. Bei etwas mehr als 1100 Grad erreicht das Metall die Temperatur, die für den Gießvorgang benötigt wird. Die Glockengießer schrauben am Ofen herum. Gebannt verfolgen die Zuschauer jeden Handgriff, von dem die meisten nur Sinn und Zweck erahnen können. Das geht solange, bis Hanns Martin Rincker in der Grube steht.

Der 58 Jahre alte Mann ist der geschäftsführende Gesellschafter der Gießerei, die sich seit 1590 im Familienbesitz befindet. Rincker ist nervös. Rund sechsmal im Jahr gießen er und sein Team Glocken. Aber neue Glocken für einen Dom? Das ist auch für eine ehrwürdige Gießerei wie die der Rinckers kein alltäglicher Auftrag. Hinzu kommt, dass bei einem Guss immer etwas schief gehen kann. „Es ist wie beim Kuchenbacken“, sagt Rincker. Ein bisschen zu viel von dieser Zutat, ein bisschen zu wenig Hitze, ein bisschen zu lange gewartet, ein falscher Handgriff – und schon ist der Guss misslungen. Das soll auf gar keinen Fall passieren. Für Rincker ist das auch ein Stück Familienehre. Schon sein Großvater hat sich vor Jahrzehnten für den Wormser Dom interessiert und wollte für ihn neue Glocken gießen.

Glocke wird mit Stimmgabel getestet

Jetzt setzt der Enkel dieses Vorhaben in die Tat um. „Wir wollen in Gottes Namen gießen!“
Mit diesen Worten leitet Rincker den Gussvorgang ein. Aus dem Schmelzofen fließt die Glockenbronze in die Grube. Die Besucher stehen hinter den Absperrungen ganz dicht dran. In der Gießerei herrscht absolute Stille. Glockenstille sozusagen. Mittlerweile fühlt es sich an wie in der Sauna, so wie direkt nach dem Aufguss auf der obersten Sitzbank. Einige schnappen nach Luft, manchen steht der Schweiß auf der Stirn. Die Gießer arbeiten in ihrer Schutzkleidung konzentriert in der Grube. Sie leiten das flüssige Metall zu den Gusslöchern der einzelnen Formen, die in der Grube so unterteilt sind, dass alle drei Glocken mit diesem einen Guss gegossen werden können. Nur wenige Minuten dauert der Guss.

Dann steht Hanns Martin Rincker vor den Zuschauern. „Der Guss ist gelungen“, sagt er. Im Interview fügt er hinzu: „Ich bin überglücklich.“ Die Anspannung hat sich gelöst.
Aber ob die Glocken auch klingen wie sie sollen, wird sich erst Ende dieser Woche zeigen. Nach dem Gießen erkaltet und erstarrt die Schmelze in der Form. In dieser Woche heben Rincker und seine Mitarbeiter die drei Glocken aus der Gießgrube. Dann steht in der Gießerei der Test mit der Stimmgabel an. Und hoffentlich kommt dann auch wieder ein spezieller Tag danach; einer, an dem sich alle „Tester“ gerne an den ersten Ton der drei Dom-Glocken erinnern.

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Das Projekt:

Der Dombauverein hat das Projekt „neue Domglocken“ in den vergangenen Jahren vorangetrieben. Die fünf Glocken kosten rund 240.000 Euro. Hinzu kommen rund 100.000 Euro, die zum Beispiel für Ingenieurkosten und Gutachten anfallen. Für jede Glocke hat der Dombauverein Einzelsponsoren finden können. Spenden für das Domglocken-Projekt nimmt der Verein nach wie vor entgegen.

Die drei jetzt gegossenen Glocken haben ein Gewicht von rund 2740 Kilogramm (Durchmesser: 1660 Millimeter), 550 Kilogramm (960 Millimeter) und 300 Kilogramm (760 Millimeter).

Die neuen Glocken wird der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf am Ostermontag, 2. April, weihen. In den Wochen nach Ostern sollen die Glocken in die beiden Osttürme gehoben werden. An Pfingsten, so hofft der Dombauverein, soll das neue Glockengeläut erstmals erklingen, abgestimmt auf die umliegenden Innenstadtkirchen.

Die dann acht Glocken würden nicht lauter als 85 Dezibel läuten, versichert Dr. Udo Rauch, der Vorsitzende des Dombauvereins. „Die Glocken werden nicht lauter läuten, sondern harmonischer und voller“, betont Rauch.

In der Glockengießerei Rincker in Sinn werden die neuen Glocken für den Wormser Dom gefertigt. Foto: Claudia Wößner
Foto: Claudia Wößner

Mit den acht Glocken ist der Dom im Vergleich zum Mittelalter noch relativ leise aufgestellt: 16 Glocken läuteten damals im Dom. Die neuen Glocken sollen wie die drei vorhandenen Glocken Patronen geweiht werden: dem Heiligen Amandus und dem Heiligen Rupert, dem Heiligen Heinrich und der Heiligen Kunigunde, dem Heiligen Petrus Faber SJ, dem Heiligen Heribert sowie dem Heiligen Hanno von Worms. Die Patrone der drei vorhandenen sind Petrus und Paulus, Maria sowie der Heilige Bruder Konrad.

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Die Fahrt:

Am 2. März fahren Domgemeinde und Dombauverein noch einmal gemeinsam zur Glockengießerei Rincker in Sinn, dann werden die beiden übrigen Glocken gegossen. Die Fahrt ist so wie die erste Fahrt seit Langem ausgebucht, die Warteliste ist lang. Zur Reisegesellschaft gehörten diesmal unter anderen Dr. Udo Rauch, Tobias Schäfer, Propst am Dom, und Künstler Klaus Krier, der die Glockenzier entworfen hat.

Anekdote am Rande: Auf der Hinfahrt las Schäfer Schillers „Lied von der Glocke“ vor. Das Gedicht ist lang. Und in der Zeit, in der der Propst las und las, war der Bus von Gernsheim bis zum Frankfurter Kreuz gefahren.

Zur Feier des Tages sangen die Mitglieder des Dombauvereins und der Domgemeinde in der Glockengießerei. Zusammen sprachen alle das Segensgebet, sprachen die Fürbitten, in denen die Patrone der neuen Glocken um ihre Fürsprache angerufen wurden, und sprachen auch das Vaterunser.