02.03.2018 – Wormser Zeitung

Der Glockenguss: Aus 1100 Grad heißer Bronze entsteht neues Domgeläut

Von Johannes Götzen

WORMS – Natürlich kommt einem sofort das Höllenfeuer in den Sinn: Aus dem Schmelzofen schlagen die Flammen, sie fauchen geradezu – zusammen mit dem Gebläse, das die Glut befeuert, ergibt das einen infernalischen Lärm. Doch Hanns Martin Rincker, Chef der Glocken- und Kunstgießerei Rincker in Sinn bei Wetzlar, ist das noch nicht genug. Er lässt noch mehr Sauerstoff hineinblasen, außerdem muss noch mehr Zinn in den Ofen. Noch einmal 20 Minuten müssen die Besucher aus Worms auf diesen einen spektakulären Moment warten: den Glockenguss.

Dann endlich stimmt die Mischung aus 78 Prozent Kupfer sowie 22 Prozent Zinn und vor allem die Temperatur. 1100 Grad heiß ist die Bronze jetzt. „Wir wollen in Gottes Namen gießen“, sagt der Chef von Europas ältester Glockengießerei, und die Mannschaft geht ebenso routiniert wie konzentriert an die Arbeit. Wenn jetzt etwas schief geht, dann sind acht Wochen Vorarbeit zunichtegemacht. Vor allem gilt seit hunderten von Jahren: In diesem einen Moment ist nichts mehr zu korrigieren. Entweder der Guss gelingt, oder die ganze Mühe war für die Katz’.

Es ist alles gut gegangen. Zweimal waren Wormser Domfreunde in Sinn zu Besuch, um dem Guss von insgesamt fünf neuen Glocken für den Dom beizuwohnen und mit Dompropst Tobias Schäfer das Segensgebet zu sprechen. In dem Moment, in dem sich der Ofen neigt, die Bronze wie Lava herausläuft und brodelnd durch die Rinnen zu den Glockenformen läuft, herrscht nach dem ganzen Lärm zuvor plötzlich beinahe Stille. Kein Geplapper mehr, die Gebläse sind verstummt, nur ganz wenige, knappe Kommandos von Hanns Martin Rincker sind zu hören. Und natürlich das Klicken von unzähligen Handys, mit denen dieser eine Moment festgehalten wird.

Was die Besucher nicht sehen und erleben können, nämlich wie die Formen gebaut werden, das haben sie auf der Busfahrt hierher aus berufenem Munde gehört: Natürlich musste Friedrich von Schillers „Lied von der Glocke“ vorgetragen werden, was Propst Tobias Schäfer übernahm – nebst Wissenswertem und kleinen Anekdoten drumherum. Später in der Gießerei ließ sich der Entstehungsprozess zumindest an den Formen nachvollziehen, die in der archaisch wirkenden Werkstatt zur Ansicht stehen. Dass es heute noch so zugeht wie vor tausend Jahren, liege am Lehm, sagt Hanns Martin Rincker. Denn dessen Eigenschaft, gut formbar zu sein und lange extreme Hitze auszuhalten, ohne zu reißen, sei bis heute von keinem anderen Werkstoff zu erreichen.

Also mauern sie weiter aus Ziegeln den Kern, auf den dann per Hand der Lehm gestrichen wird. Mit einer Schablone wird das Ganze in Form gebracht, dann getrocknet. Es folgt zuerst Trennmittel, dann wird die „falsche Glocke“ aufgetragen, wiederum vor allem aus Lehm. Sie ist das exakte Gegenstück zur späteren Glocke. Erneut folgt Trennmittel und dann der sogenannte Mantel. Im Anschluss wird das ganze Paket mehrere Stunden lang gebrannt. Danach wird der Mantel vorsichtig abgehoben, die „falsche Glocke“ entfernt, der Mantel wieder aufgesetzt. So entsteht der Hohlraum, in den die Bronze gegossen wird. Weil dadurch aber ein enormer Druck entsteht, müssen diese fertigen Formen in der Gussgrube regelrecht eingepackt werden: Um die Formen wird Erde geschüttet, die Schicht für Schicht festgestampft wird, bis nur noch die Öffnungen herausgucken. Schließlich werden die Rinnen aus Ziegelsteinen gebaut, die vom Ofen zu den Einfülltrichtern über den Glockenformen führen. Nach dem Guss vergehen viele Tage, in denen die Formen langsam auskühlen, bevor die Glocken schließlich ausgegraben werden können. Erst dann ist wirklich klar, ob das Werk gelungen ist.

Bei den fünf neuen Glocken hat alles geklappt. Nur ganz leichte Korrekturen für die richtige Tonhöhe mussten vorgenommen werden. Schließlich müssen die Glocken nicht nur untereinander harmonisch klingen, sondern auch zu den vorhandenen dreien passen und sogar zu den Glocken der anderen Kirchen in der Innenstadt. Denn es geht auch darum, ein echtes „Stadtgeläut“ zu erhalten.

Es gab wohl immer Glocken im Dom. Aus den Anfängen gibt es zwar nur fragmentarische Nachweise, aber bereits für das Jahr 1020 sind Glocken erwähnt. Der Stadtzerstörung 1689 fielen auch alle Glocken zum Opfer – damals waren es 16 Stück, die in den vier Türmen verteilt hingen. Diese hohe Anzahl verdeutlicht die wichtige Stellung des Wormser Domes: Mehr Glocken hatten nur zwei mittelalterliche Dome, die meisten mit 18 Stück das Straßburger Münster. Erst 1728 erhielt der Dom wieder neue Glocken, allerdings nur noch sechs Stück, die in Frankfurt gegossen worden waren. 1794 wurden sie von französischen Revolutionstruppen vermutlich eingeschmolzen. Im Jahr 1831 erhielt der Dom wiederum neue Glocken, aber noch einmal weniger: Vier Stück waren es dann nur noch. Die Größte von diesen musste im Ersten Weltkrieg abgeliefert werden. Die verbliebenen drei Glocken hingen bis zur großen Bombennacht am 21. Februar 1945 im Turm.

Heute befinden sich im Südostturm drei Glocken, die allerdings ein Provisorium darstellen. Die Glocken entstanden 1949 in der Gießerei Albert Junker in Brilon. Sie wurden aus der sogenannten Briloner Sonderbronze gegossen – diese billigere Variante wurde nach dem Krieg häufig verwendet. Am Ostersonntag 1949 wurden sie durch den Mainzer Bischof Dr. Albert Stohr im Dom geweiht und im Südostturm installiert. Sie läuteten das erste Mal am Vorabend des Weißen Sonntags. Ganz ähnlich soll es in diesem Jahr sein mit den fünf neuen Glocken. Sie werden am Ostermontag geweiht. Dann sollen sie in den beiden Türmen des Westchores eingebaut werden. Wenn alles klappt, läuten sie erstmals zu Pfingsten.